Der griechische Philosoph Aristoteles prägte einst den Satz „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“ Das klingt wunderschön auf Papier. Doch was bedeutet es im echten Leben, wenn demnächst über 40 Menschen zusammenziehen? Wir wollten es genau wissen. Vor zehn Monaten haben wir – Bernd und Maike – unsere Bewerbung für das Wohnprojekt abgegeben. Doch der Weg bis zu dieser Unterschrift war kein harmonischer Spaziergang im Gleichschritt.
Der Anfang: Wenn einer will und die andere zweifelt
Große Veränderungen beginnen selten ohne Reibung. Bevor wir überhaupt den Entschluss fassten, uns zu bewerben, ging eine fast zweijährige Phase der Skepsis und des Hinterfragens voraus. Während ich, Bernd, von Anfang an Feuer und Flamme für die Vision eines gemeinschaftlichen Wohnprojekts war, sah Maike die Sache lange Zeit deutlich skeptischer. Und das völlig zu Recht. Uns beschäftigten harte Fragen: Verlieren wir unsere Privatsphäre? Wie viel Kompromiss hält eine Beziehung aus, wenn plötzlich ständig eine größere Anzahl anderer Menschen mitreden?
Der größte Knackpunkt für Maike waren damals die Befürchtungen:
„Ich möchte nicht jeden Morgen in einem Stuhlkreis sitzen, in dem persönliche Befindlichkeiten seziert werden…“
„Ich brauche meinen Rückzugsort und will nicht ununterbrochen von Menschen umgeben sein.“
Umgestimmt hat sie in diesen zwei Jahren letztlich ihre Arbeit und die damit verbundenen Erlebnisse als Trauerrednerin und eine Beobachtung aus dem Alltag: Wir sehen überall, wie viele Menschen alleine leben und einsam werden. In einer lebendigen Gemeinschaft, in der neue Mitglieder nachrücken, wenn andere gehen, muss niemand einsam sein. Zudem wurde uns klar: Durch die Verbindung unserer eigenen, abgeschlossenen Wohnung mit den geteilten Aktiv- und Gemeinschaftsräumen gewinnen wir am Ende sogar mehr Platz zum Atmen und Leben, als allein zu zweit in einer einzelnen Wohnung. Als wir vor zehn Monaten die Bewerbung einreichten, taten wir das gemeinsam und aus voller Überzeugung.
Von alten Hasen und echtem Durchhaltevermögen
Nach unserer Bewerbung lernten wir die Menschen näher kennen, die schon jahrelang an diesem Projekt bauen. Uns wurde schnell klar: Hier wird nichts schöngefärbt. Ein Wohnprojekt dieser Größe ist auch ein Marathon gegen Bürokratie, volatile Baupreise und Nervenverschleiß. Aber die Energie, der unbedingte Wille und der Glaube an das Gelingen waren bei diesen Frauen und Männern in jedem Moment spürbar. Das hat uns nachhaltig beeindruckt. In diesem Moment spürte auch Maike: Hier geht es nicht nur um Quadratmeter und Paragraphen, sondern um Menschen, die füreinander einstehen. Eine echte Wahlfamilie.
Der Sprung ins kalte Wasser: Unsere Entscheidung
Nach einigen Gesprächen, den tiefen Einblicken und dem spürbaren Herzblut der anderen war der Moment gekommen: Wollen wir diesen Weg wirklich gehen? Schließen wir uns dem Projekt verbindlich an? Die Antwort war ein klares, wenn auch aufgeregtes Ja. Wir unterschrieben, übrigens ohne das Bauprojekt und den Ort vorher gesehen zu haben und wurden, kurze Zeit später offiziell Teil des Bühlhäusle Quartiers.
Nach dem Ja kam unweigerlich die Frage auf: Wie ist es denn nun wirklich, wenn man mittendrin steckt? Ist die These von Aristoteles im echten Alltag überhaupt haltbar – oder ist das Ganze am Ende doch nur eine schöne, theoretische Utopie, die an der Realität zerschellt?
Wie die Kraft der Gemeinschaft entsteht
Durch die Teilnahme an den Arbeitsgruppen, den Gemeinschaftswochenenden und dem zweiwöchentlichen Plenum durften wir hautnah erleben, wie sich diese sprichwörtliche Kraft entfaltet. Die Gemeinschaft ist tatsächlich mehr als die bloße Summe der Einzelfähigkeiten.
Zwei Erfolgsfaktoren stechen dabei für uns besonders heraus:
- Augenhöhe durch Struktur: Dank der Etablierung von Soziokratie und Gewaltfreier Kommunikation (GFK) verlaufen die Besprechungen viel ruhiger und sachlicher, als wir es früher aus klassischen Teams kannten. Hier wird wirklich zugehört. Jede und jeder kann die eigene Sichtweise einbringen, ohne abwertende Kommentare befürchten zu müssen. Das beflügelt, steigert das Selbstbewusstsein und schafft Vertrauen. Am Ende bewirkt es außerdem eine weitaus höhere Akzeptanz der Entscheidungen.
- Vertrauen in kleine Arbeitsgruppen: Anstatt mit zig Leuten über jedes Detail zu streiten, gilt bei uns: Nimm drei bis sieben Menschen, die richtig Lust auf ein Thema haben, und lass sie es ausarbeiten. Das ist effektiver und motivierender. Die Ergebnisse werden im großen Kreis präsentiert, besprochen und in den allermeisten Fällen übernommen. Das entlastet den Einzelnen und schafft Raum für andere wichtige Themen.
Der Endspurt – und ein neuer Beginn
In den nächsten Monaten steht der Einzug an. Uns ist völlig klar: Vieles von dem, was wir theoretisch ausgearbeitet haben, werden wir in der Praxis anpassen und überarbeiten müssen. Weil wir das von vornherein so kommunizieren, fallen Entscheidungen leichter – nichts ist für die Ewigkeit in Stein gemeißelt.
Doch die Stärke einer Gemeinschaft basiert nicht nur auf Struktur und Arbeit. Das Fundament ist das gegenseitige Verständnis. Ob bei Kennenlernspielen, tiefen Gesprächen beim Spaziergang oder beim gemeinsamen Feiern: Wir kommen uns näher und lernen die Menschen und ihre Geschichten verstehen.
Unser Fazit: Wagt den Schritt!
Wir können Aristoteles nur zustimmen. Wir erleben das persönliche Wachstum – an uns selbst und an den anderen – fast täglich. Eine sehr engagierte Frau aus unserer Gemeinschaft brachte es neulich perfekt auf den Punkt: „Nach den Gemeinschaftstreffen fahren wir immer völlig beseelt nach Hause und können es kaum erwarten, endlich mit allen einzuziehen.“
Weil auch viele von uns früher nie etwas mit dem Thema gemeinschaftliches Wohnprojekt zu tun hatten, möchten wir allen Menschen, die über eine andere Lebensweise nachdenken Mut machen: Wagt den Schritt und öffnet euch für neue Wege. Ihr gewinnt dadurch wertvolle neue Erfahrungen und eine völlig neue Lebensperspektive.
Von Maike und Bernd